Cape Le Grand National Park

09.06.

Nach einer langen heißen Dusche (man lernt die kleinen Freuden des sonst so alltäglichen Komforts doch sehr zu schätzen!) verlassen wir unseren Campingplatz in Esperance in Richtung Osten zum Cape Le Grand National Park. Bei unserem ersten Stopp in der Le Grand Bay strahlt der Strand verführerisch weißblau, und wir ärgern uns einmal mehr über das Winterwetter. Damit uns wenigstens von innen warm wird, kraxeln wir auf den Frenchman’s Peak. Steil geht es über den nackten Granitfelsen nach oben. Auf dem Gipfel spannt sich ein Felsbogen wie ein großes Fenster zum Meer hin auf. Von oben eröffnet sich ein Rundumblick über die türkisblauen Buchten und runden Felskuppen des Nationalparks. Der Abstieg über den glatt abfallenden Felsen wird insbesondere für Tina zu einer schwindelerregenden Herausforderung. An der paradiesischen Lucky Bay mit ihrem puderzuckerfeinen, reinweißen Sand finden wir einen Campground mit toller Aussicht. Zum Sonnenuntergang packt der Himmel seine Farbpalette aus und taucht sich ganz in Pastell. Unsere netten Nachbarn Ray und George (ausnahmsweise mal keine Rentner, sondern Fotografen) laden uns am Abend zu Wein, Tee und steinharten neuseeländischen Ingwerkeksen ein und wir sitzen lange unter dem funkelnden Sternenhimmel beisammen.

10.06.

Der Morgen nach unserer unerwartet langen Nacht zeigt sich in unfreundlichem Grau und macht die Hoffnung auf ein Bad im Meer leider zunichte. Auch unsere eigentlich angedachte Wanderung zur Thistle Cove ersetzen wir angesichts drohenden Regens durch die passivere, aber überdachte Variante einer Anfahrt mit dem Auto. Die Bucht wird umrahmt von spannenden Felsformationen wie dem Whispering Rock, der durch seine Form das Rauschen der Wellen zurückwirft. Als wir wenig später an der Hellfire Bay vorbeikommen, klart es zumindest etwas auf, und auf unserer weiteren Fahrt Richtung Nordwesten bleibt es trocken. Entspannt kommen wir in der winzigen Siedlung Varley an, die wir uns als Übernachtungsplatz ausgesucht haben, trinken Kaffee und Tee in der Spätnachmittagssonne und planen unsere nächsten Tage, die uns zunächst zum Wave Rock bei Hyden und dann wieder gen Süden zur Küste führen sollen.

Kalgoorlie – die Goldfields

07.06.

Wir müssen ehrlich sein: es ist kalt. Und vor allem: es regnet und regnet. Nach einem ganzen Jahr Dürre haben wir offenbar genau den Moment abgepasst, in dem der Winter mit relativer Macht über Südwestaustralien hereinbricht. Die Salzseen bei Norseman, das wir nach 83 km erreichen (der Eyre Highway ist geschafft!), sind geflutet. Auch der sonst mit dicker weißer Salzkruste bedeckte Lake Lefroy, an dem wir auf unserem Weg in die Goldgräberstadt Kalgoorlie vorbeikommen, gleicht eher einer Schlammebene. Immerhin kommt kurz die Sonne heraus, als wir über dem „Super Pit“, der weltweit viertgrößten Goldmine, stehen. 3,5 Kilometer lang und 350 Meter tief klafft ein riesiges Loch in der Erde, in dem gewaltige Bagger das goldhaltige Erz fördern. Hunderte Tonnen schwere Kipplader kriechen an den Wänden des Tagebaus nach oben, um den Gesteinsschutt zur Weiterverarbeitung zu schaffen. Es braucht 7 LKW-Ladungen à 225 Tonnen Gestein, um eine golfballgroße Menge Gold zu gewinnen. Die Zeiten, in denen man wie der Gründervater Kalgoorlies, Paddy Hannan, Hunderte Unzen schwere Goldnuggets direkt an der Erdoberfläche finden konnte, sind lange vorbei, aber trotzdem lebt die Stadt nach wie vor gut vom Bergbau. Viele der Häuser aus der Goldrauschzeit entlang der zentralen Einkaufsstraße sind gut gepflegt und renoviert. Der örtliche Ableger des Western Australian Museum zeigt allerdings auch, wie kärglich die Goldsucher in ihren Holz- und Wellblechhütten gelebt haben, und eine Tafel mit Namen erinnert daran, dass auch heute noch immer wieder Minenarbeiter bei der gefährlichen Arbeit ums Leben kommen.
Angesichts des feuchtkalten Wetters und der Aussicht, den mangels vorheriger Spülmöglichkeit angesammelten Geschirrberg mal wieder nur mit eiskaltem Wasser auf der Toilette des schlammigen Gratiscampgrounds abspülen zu können, verfällt Tina in Kalgoorlie auch zum ersten Mal in einen Campingblues. Als kleiner Trost winkt immerhin in der nächsten Woche Perth, wo uns die Gordons (Tinas Au-Pair-Gastfamilie) freundlicherweise für ein paar Nächte beherbergen werden, und im Anschluss daran der Weg in den wärmeren Norden…

 

08.06.

Wir verlassen Kalgoorlie nach einem Frühstück im netten „Relish Café“ und wenden uns wieder nach Süden, um an die Küste nach Esperance zu fahren. Dank Dauerregen passiert sonst auch nicht mehr viel an diesem Tag. Nicht mal der „Resident Sea Lion“ Sammy lässt sich bei diesem Wetter am Steg blicken. Angeblich soll es aber in den folgenden Tagen mit dem Wetter wieder etwas besser werden. Bis dahin trinken wir warmen Tee und kuscheln uns in unserem Buschen tief unter unsere Decken.

Crossing the Nullarbor: der Eyre Highway

04.06.

Wir füllen in Port Augusta noch einmal unsere Lebensmitel- und Benzinvorräte auf, bevor es auf den Eyre Highway geht: 1666 km trennen uns noch von Norseman an dessen anderem Ende, und dazwischen kommt – nicht viel. Die Wegstrecke bis Ceduna ist gesäumt von frisch gesäten Weizenfeldern, die sich über gigantische Flächen ausdehnen. Der Ort Kimba liegt ziemlich mittig zwischen Ost- und Westzipfel des Kontinents, „halfway across Australia“, worauf ein großes Schild hinweist. Alle anderen Orte am Highwayrand bestehen eigentlich nur aus riesigen Getreidesilos und einem Bahnhof. Nach 465 km erreichen wir Ceduna, wo unsere erste Etappe endet.

05.06.

Hinter Ceduna begleiten uns zunächst noch Felder. Ab dem Nullarbor Roadhouse dann beginnt sie aber: die eigentliche Nullarbor Plain – 200 km lang nur flache Weite und kein einziger Baum. Der Eyre Highway führt von nun an direkt am Meer entlang, und einige Aussichtspunkte ermöglichen tolle Blicke auf die Klippen der Great Australian Bight. Die steil abfallenden Felswände sind der vom Meer angefressene Rand der riesigen Kalksteinplatte, die die Nullarbor Plain bildet. Ansonsten fahren und fahren wir Kilometer um Kilometer ab. Australien ist wirklich ein sehr sehr großes Land mit riesigen Distanzen. Die Road trains, vor denen uns alle Reiseführer gewarnt haben, beeindrucken uns hingegen weniger: sie sind zwar durchaus lang, aber Überholen ist auf den langen geraden Strecken kein Problem. Gefährlicher scheinen uns die großen aasfressenden Keilschwanz-Adler, die an den Roadkill-Kadavern hocken und beim Vorbeifahren plötzlich aufsteigen. Nach 486 Kilometern finden wir einen schönen Übernachtungsplatz auf den Klippen kurz vor Border Village.

06.06.

Wie auch South Australia verfolgt Western Australia eine Anti-Fruit-Fly-Politik, was bedeutet, dass bestimmte landwirtschaftliche Produkte nicht importiert werden dürfen. Über die genauen Bestimmungen informieren die „Fruit Fly Hotline“ und das Internet. Wir erfahren, dass Knoblauch nur geschält nach WA eingeführt werden darf, also schält Jacob noch vor dem Frühstück unsere verbleibenden ca. 30 Knoblauchzehen. Alles andere Obst und Gemüse hatten wir in weiser Voraussicht schon vorher aufgegessen. An der Quarantänestation in Border Village werden wir auch tatsächlich kontrolliert und müssen unsere Schubladen inspizieren lassen. Noch kurz Führerschein vorzeigen und ins Alkoholröhrchen pusten (morgens um halb neun – zum Glück haben wir heute auf unseren üblichen Frühstücksschnaps verzichtet) und dann dürfen wir tatsächlich unbeanstandet nach Western Australia einreisen.
Hinter der Grenze wechselt die Vegetation von niedrigen Büschen zu lichtem Wald, den Great Western Woodlands, die das größte zusammenhängende Eukalyptuswaldgebiet der Erde darstellen. In Caiguna müssen wir leider nachtanken – zum bisher teuersten Spritpreis unserer Reise: 1,77 $ (zum Vergleich: rund um Sydney oder Melbourne lag der Benzinpreis bei um die 1,10 $, was etwa 0,70 € entspricht). An diesem Tag erleben wir auch unseren bisher ersten und hoffentlich einzigen Roadkill: ein etwa amselgroßer Vogel schießt direkt vor uns über die Straße und landet leider mit Genickbruch in unserem Kühlergrill. Tina übernimmt die etwas mühselige Operation, ihn daraus wieder zu befreien, und bestattet das arme Tier im Gebüsch. Kurz darauf kommt das Highlight der Strecke: die „90 Mile Straight“, ein 146 km langer schnurgerader Straßenabschnitt. An der danach folgenden leichten Rechtsbiegung steht übrigens tatsächlich ein Kurvenwarnschild! Unsere bisher längste Etappe endet nach 651 km auf einem Rastplatz, wo wir uns an einem diesmal rauch- und explosionsfreien Lagerfeuer aus unterwegs gesammeltem Holz wärmen.

Ikara-Flinders Ranges National Park

 

01.06.

Ausgeblichene Känguruhskelette am Straßenrand begleiten uns zum Wilpena Pound im Ikara-Flinders Ranges National Park. Die über 800 Millionen Jahre alten Gebirgsketten der Flinders Ranges umschließen hier eine ovale, wannenförmige Hochebene. Wir wandern auf einem gut gepflegten Weg hinein und versuchen uns vorzustellen, wie hier vor 150 Jahren Schafzüchter ihre Tiere durch den einzigen Zugang, die Slippery Gorge, hineingetrieben haben und wie hier oben sogar Leute Getreide angebaut haben. Heute zeugen davon nur noch vereinzelte Ruinen der Farmhäuser und die weniger bewachsenen Stellen im Waldland dort, wo die ursprüngliche Vegetation den Feldern weichen musste. Zurück auf dem Campingplatz treffen wir vor unserem Hochass auf netten Besuch: zwei Euros (auch Wallaroos genannt) haben sich hier zu einem kleinen Grassnack eingefunden.

02.06.

Wir fahren an Emus, Euros und Roten Riesenkänguruhs vorbei weiter hinein in den Nationalpark und genießen die tollen Panoramen der teils sanftrunden Hügelketten, teils schroffen Felsabbrüche der Flinders Ranges. Wie eine lange Mauer zieht sich die Felsformation der „Great Wall of China“ einen Bergrücken entlang; darüber schwebt elegant der Wedge-tailed Eagle. Tiefer hinein geht es nur über einen unbefestigten, steinigen Fahrweg, der uns spätestens bei der Durchquerung eines gestauten Bachlaufs die Frage stellt, ob wir ihm wirklich weiter folgen wollen (an dieser Stelle ein Gruß an Niclas!). Aber siehe da: unser Buschen kann mehr, als man ihm ansieht! Weiter also ins Aroona Valley zu einer Wanderung, die uns zunächst dem ausgeschilderten Weg folgend zu einem von dem australischen Maler Hans Heysen gerne genutzten Aussichtspunkt führt. Zurück geht es der Nase nach durch ein Bachbett, über von Euros und Schnabeligeln getrampelte Pfade und vorbei an riesigen (glücklicherweise ungefährlichen) Spinnen. Im Abendlicht betrachten wir die geschichteten Felswände der Brachina Gorge und finden einen schönen Campground, wo uns unsere netten tasmanischen Nachbarn Marisa (1953 als Kind aus Deutschland eingewandert) und Berry an ihr Feuer im selbstgebauten portablen Ofen einladen. O-Ton Berry mit Gruß an Klaus: „Oh, computers and the Internet, well, I started with that at the age of 70…“

03.06.

Eine letzte kleine Wanderung im Nationalpark führt uns zum Arkaroo Rock, wo Felsmalereien die Entstehung des Wilpena Pound darstellen: nach den Traumzeitgeschichten der Aborigines wird dieser von den beiden Körpern zweier riesiger, versteinerter Schlangen geformt. Nach weiten, kargen Ebenen erklimmt unser Buschen den Pichi-Richi-Pass und bringt uns ins dahinter gelegene Port Augusta, eine völlig verschlafene Kleinstadt, in der ab 17 Uhr außer bei McDonalds nirgendwo mehr ein Kaffee zu bekommen ist. Immerhin gibt es hier den durchaus interessanten Botanic Garden of Arid Lands, der die hitze- und trockenheitsresistente Flora Südaustraliens vorstellt. Auf unserem Campground sind wir das mit Abstand kleinste Gefährt und parken neben einem Riesenwohnwagen, der eigentlich mehr wie ein Flugzeug anmutet.

Rund um Adelaide

 

29.05.

Heute ist mal wieder ein Streckentag angesagt, der uns in den Nachbarstaat South Australia bringen wird. Wir fahren durch endlose grüne Hügel voller Kühe und Schafe im Hinterland der Küste. Kein Wunder, dass sich die Engländer hier angesiedelt haben – es sieht aus wie bei ihnen zuhause. Immer wieder sehen wir Emus und Känguruhs entlang unseres Weges auf den Freiflächen grasen. Ein Gruß in den Süden Deutschlands: auch der Glenelg River in Nelson führt ein bemerkenswertes Hochwasser und beansprucht den größten Teil des Park- und Picknickplatzes am Ufer für sich. Einen tollen Übernachtungsplatz finden wir in dem Fischer- und Ferienstädtchen Robe auf einer ins Meer hineinragenden Landzunge. Am beeindruckendsten ist hier aber die Nacht: Über uns spannt sich vor einem tiefschwarzen Himmel von Horizont bis Horizont der Bogen der Milchstraße.

30.05.

Weiter geht’s nach Adelaide! Unterwegs passieren wir Hahndorf, das Mitte des 19. Jahrhunderts von deutschen Siedlern gegründet wurde und heute in seinen historischen Gemäuern ein teils kitschiges, teils sympathisches Bild von Deutschland pflegt, mit Blasmusik auf der einen und „Bee Sting Cake“ auf der anderen Seite. Adelaide selbst ist eine Planstadt ähnlich wie Canberra, allerdings von Klima und Atmosphäre her etwas gelungener, mit einem schachbrettartigen Stadtzentrum, das von einem breiten Parkgürtel umgeben ist. Außerhalb dessen erstreckt es sich wie auch Sydney oder Melbourne weit und flach ins Umland hinein. Platz ist ja genug da in diesem Land… Ansonsten zeigt sich uns auch hier der bereits bekannte, teils brachiale Mix aus alt und neu, wenn auch etwas weniger hektisch und verkehrslastig. Die Art Gallery of South Australia zeigt sehr schön den sich über die Zeit wandelnden Blick australischer Künstler auf ihr Land, seine Städte und Natur.

31.05.

Wir saugen ein letztes Mal Stadtluft und Wissen im South Australian Museum in uns auf, das Aboriginal-Kultur und Naturkunde Südaustraliens präsentiert, bevor es für uns Richtung Outback zum Ikara-Flinders Ranges National Park gehen soll. Angesichts der interessanten Ausstellung dauert unser Aufenthalt dort länger als geplant, und so kommen wir erst gegen Abend durch das Barossa Valley, einer der Hauptweinanbauregionen Australiens. Einer der größten Weinproduzenten hier heißt „Jacob’s Creek“ nach einem lokalen Bachlauf: das schreit natürlich nach dem ein oder anderen Foto. Den Kauf der 40$-Flasche „Steingarten Riesling“ verkneifen wir uns, aber ein etwas näher an unserer Preiskategorie angesiedelter Pinot Noir darf mit. Unsere letzten Wegstunden nach Norden müssen wir im Dunkeln zurücklegen, aber es wirft sich uns glücklicherweise kein suizidgefährdetes Beuteltier vors Auto.

Great Ocean Road – Great Otways National Park

 

26.05.

Weiter geht es auf die berühmte Great Ocean Road! Zwischen dem winterlich verschlafenen Surferstädtchen Torquay und Warrnambool im Westen schlängelt sie sich unter der Kennung B100 an der Küste entlang, in Fels und Wald gehauen von 3000 Ex-Soldaten nach dem Ersten Weltkrieg. In Lorne biegen wir nach Norden ab in den Great Otway National Park, wo unser Campground in einer feuchten Bergsenke liegt. Angeblich soll es auch hier wieder viele Koalas geben. Aber anscheinend sind die vor der feuchten Kühle eher in trockenere Gefilde geflüchtet. Wir wärmen uns mit Suppe und Tee und trösten uns mit dem Gedanken daran, dass wir mit Wilsons Prom, Melbourne und Great Ocean Road die südlichsten Teile unserer Reise nun bald hinter uns haben.

27.05.

Auf der Rückfahrt zur Küste sehen wir ihn dann doch tatsächlich mal: den Koala! Ein Exemplar hängt dösig in einer Astgabel neben der Straße. Wir hatten kurzzeitig schon den Verdacht gehegt, dass sein Vorkommen in freier Wildbahn eine Erfindung der australischen Regierung zur Förderung des Tourismus sein könnte. Das nach wie vor feuchte Schauerwetter unterstreicht wenigstens hervorragend, warum sich hier unten in den Otways der ursprüngliche kaltgemäßigte Regenwald halten konnte. Wir spazieren in Mait’s Rest unter riesigen Baumfarnen und Hunderte Jahren alten Mountain-Ash-Bäumen umher und besuchen die Triplet Falls, die weiß im Smaragdgrün der Farne und Moose rauschen. Unser Campground ist seiner Umgebung entsprechend ebenfalls kaltgemäßigt und feucht.

28.05.

Heute wird es spannend: die großen Aussichtspunkte an der Steilküste warten! Zuvor noch ein Abstecher zu den Beauchamp Falls. Eine Kletteraktion im Fluss bringt Tina die perfekte Fotoperspektive. Danach haben wir echt genug von kühler Feuchte, aber passenderweise kommt an den Lookouts bei den Twelve Apostles auch noch Wind dazu. Der Ausblick ist dennoch fantastisch: wie blassgelbe Säulen ragen die Felsen aus dem Meer, das beharrlich an ihren Fundamenten sägt. Nun folgt eine spektakuläre Felsformation auf die nächste: Loch Ard Gorge, The Arch, London Bridge, The Grotto, Bay of Islands. Man kann sich gut vorstellen, warum dieser Küstenabschnitt bei den Kapitänen der großen Segelschiffe voller Auswanderer so gefürchtet war. Für die Nacht haben wir uns das Brucknell Park Scout Camp ausgesucht. Der freundliche Campwärter-Opa Peter hat einen derart harten Aussie-Akzent, dass er anfangs kaum zu verstehen ist. Standesgemäß ist hier alles mit geschnitzten hölzernen Wegweisern beschildert. Unser Lagerfeuer verteilt Rauch in alle Himmelsrichtungen und explodiert, als wir gerade daneben zu Abend essen. Wir rätseln, ob es an unseren mangelnden Scout-Fähigkeiten oder doch am feuchten Brennholz liegt.

Melbourne

 

24.05.

Nach den vielen menschenleeren Nationalparks und Agrarflächen  kommt uns Melbourne ziemlich voll vor. Gigantische Verkehrsachsen zerschneiden die Stadt, und im CBD stapeln sich die Hochhäuser dicht nebeneinander. Über den ebenfalls riesigen Hafen spannt sich die längste Tragseilbrücke der Welt (an dieser Stelle ein Gruß an Simon!). Um uns einen Überblick zu verschaffen, fahren wir mit einem rasend schnellen Aufzug hoch ins 88. Stockwerk des Eureka Tower, der wiederum höchstgelegenen Aussichtsterrasse der Südhalbkugel. Die Tennisplätze der Australian Open leuchten blau wie das Meer im Hintergrund. Das alte Bahnhofsgebäude von Flinders Street Station und die St Paul’s Cathedral ducken sich vor den Wolkenkratzern des Stadtzentrums. Wir laufen durch das obligatorische Chinatown und fahren eine Runde mit der historischen City-Circle-Tram. Zum Abschluss schauen wir nochmal von oben auf die Stadt, wie sie in der Nacht unter uns funkelt.

25.05.

Wie angekündigt regnet es mehr oder weniger ununterbrochen. Netterweise kostet die National Gallery keinen Eintritt, also stellen wir uns für ein paar Stunden dort unter. Das Hipsterviertel Fitzroy ist ein Hipsterviertel wie so viele andere auch, aber immerhin gibt es hier für uns guten Kuchen und einen heißen Tee. Melbourne soll eine der lebenswertesten Städte der Welt sein, und mit seiner Lage zwischen Yarra River und Meer ist das gut vorstellbar, aber uns zeigt es sich nicht direkt von seiner besten Seite. Wir sind uns nicht so recht einig, ob wir Sydney oder Melbourne den Vorzug geben würden. Zumindest was das Wetter in diesem Mai angeht, gehen drei Punkte an Sydney.

Wilsons Promontory National Park

 

22.05.

Wir frühstücken in der Sonne (zum vorerst letzten Mal, wie sich herausstellen wird) und schnüren unsere Wanderschuhe, um uns die Halbinsel vom Mount Bishop aus von oben anschauen zu können. Die Landschaft mit ihren von Gletschern abgeschmirgelten Felsen und Hügelkuppen erinnert an Schottland. Für den Rückweg wählen wir eine etwas längere Route über den Squeaky Beach, wo der Sand so fein ist, dass er unter den Füßen quietscht. Nach fünf Stunden erreichen wir wieder den Campingplatz und starten mit dem Buschen nochmal zu einer abendlichen Tierbeobachtung. Emus und graue Riesenkänguruhs lassen sich im Sonnenuntergang ganz aus der Nähe betrachten, und die friedlichen Wombats sind wie üblich so sehr mit Fressen beschäftigt, dass wir sie sogar streicheln können. Der Abend ist erstaunlich mild, so dass wir lange draußen sitzen und über uns das Possum im Baum rascheln hören können.

23.05.

Es stürmt. Und regnet. Zeit, dass wir von hier verschwinden. In einem trockenen Moment stoppen wir noch kurz an der Whisky Bay und sehen zu, wie der Wind das Meer gegen die Felsen drückt. Auch am Hochass rüttelt er gewaltig. Unser nächstes Ziel winkt in der Ferne: Melbourne.

Gippsland Lakes NP – 90 Mile Beach

20.05. – von Canberra zum 90 Mile Beach

Angesichts des Wetters (3 Grad und Schneeregen in Thredbo Village) verzichten wir auf die ursprünglich angedachte Besteigung des Mount Kosciuszko, Australiens höchstem Berg, und legen stattdessen einen Streckentag ein, der uns gen Süden zum Gippsland Lakes National Park bringt. Sechs Stunden lang fahren wir durch Landschaft und Wald und Nirgendwo an Schafen und toten Beutlern vorbei durch die Hügel bis ans Meer, wo wir unser Lager am 90 Mile Beach aufschlagen.
Victoria bezeichnet sich selbst auf seinen Nummernschildern als „The Education State“, und das merkt man auch. Ab der Grenze zum Capital Territory werden wir alle fünf Kilometer mit verschiedensten mehr oder weniger drastischen Sprüchen daran erinnert, doch bitte bei Ermüdung einen Powernap einzulegen. Die öffentlichen Toiletten wiederum mahnen wiederholt die Nutzung der Klospülung sowie das Händewaschen nach dem Toilettengang an. Die Victorians scheinen ein sehr schläfriges und mit grundlegenden Hygieneregeln wenig vertrautes Volk zu sein. Auch im weiteren Verlauf unserer Reise durch Victoria bleibt der mahnende Zeigefinger allgegenwärtig. Selbst der Besuch im Nationalpark wird mit dem Slogan der Nationalparkverwaltung „healthy parks, healthy people“ zur nutzbringenden Aktivität für die Volksgesundheit deklariert. Wir können uns nicht so richtig entscheiden, ob wir die vielen Infotafeln eher interessant finden, oder ob uns der ständig anwesende imaginäre Schulmeister doch eher auf die Nerven geht.

21.05. – weiter zum Wilsons Promontory National Park

Die Sonne am Morgen und der menschenleere, endlose Strand laden zu einer Erfrischung in den Wassern des Pazifiks ein. Wir genießen ein wenig die Wärme im goldenen Sand, bevor wir zu unserer nächsten Station aufbrechen: Wilsons Promontory National Park, ein bergiges Kap ganz an der Südspitze des Kontinents. Gleich bei der Einfahrt in den Nationalpark sehen wir schon, weswegen wir hergekommen sind: auf einer offenen Grasfläche steht ein Emupaar, daneben picken ein paar Rosakakadus. Auf dem Campground am Tidal River streifen abends grasende Wombats umher, während ein schwarzbraunes Possum im Baum über uns seine Vorspeise einnimmt. Mahlzeit!

Canberra

 

19.05.

Früh geht’s weiter nach Canberra, der Hauptstadt Australiens. Wir kommen zum ersten Mal in die Nähe dessen, was der Australier als „Outback“ bezeichnet: Ein Dorf kommt hier nur alle 50 km mal, und eins mit grundlegender Infrastruktur sogar nur alle 100. Am Straßenrand liegen leider viele tote Beuteltiere…
In Canberra angekommen starten wir mit dem National Museum of Australia, das sehr eindrucksvoll sowohl die Kultur und Geschichte der Ureinwohner als auch die harten Bedingungen wiedergibt, mit denen die ersten weißen Ankömmlinge bei der Erforschung und Besiedelung des Kontinents zurechtkommen mussten. Die Eroberung Australiens zeigt sich als ein Kulturkampf, der für beide Seiten zugleich auch ein Überlebenskampf war und bis heute ist.
Das Parliament House hat einen kostenlosen Parkplatz und ist auch sonst äußerst besucherfreundlich: man passiert einfach eine Sicherheitsschleuse und darf sich dann das Gebäude von innen ansehen, inklusive der beiden Parlamentsräume von Senate und dem House of Representatives. Jedenfalls, solange gerade keine Sitzungen stattfinden, und da beide Parlamentskammern gerade vor anderthalb Wochen erst aufgelöst wurden, ist das aktuell nicht zu erwarten. Der Ausblick vom Dach offenbart die Künstlichkeit Canberras als Reißbrettstadt. Das Gebäude selbst ist in seiner Größe zwar monumental, aber gleichzeitig schlicht. Auch unser Campingplatz ist genau so wie die Stadt: Gut ausgestattet, aber zweckmäßig. Ansonsten ist Canberra vor allem: Kalt, windig und ungemütlich.